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Im Glashaus gefangen zwischen Welten: Ein Leben zwischen zwei Kulturen

„Das Glashaus bietet einen Einblick in das Leben von Migranten, die ihre Heimat verlassen haben, um im Exil einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Am Beispiel der Jugend der in Deutschland lebenden Exil-Tamilen, zu denen er selbst gehörte, beschreibt der Autor Probleme und Hindernisse, die mögliche Gründe für eine verfehlte Integration sind. Von der einen Kultur in die andere gestoßen und in ihren Gefühlen verletzt, wissen sie oft nicht, wie ihr weiterer Weg verlaufen soll. Der Blick hinter die Kulissen ermöglicht betroffenen Migranten eine andere Sichtweise auf die Dinge und zeigt mögliche Wege auf.“

Der Autor

Deva Manick, geb.1987 in Ratingen. Seit über 10 beschäftigte er sich mit dem Wandel verschiedener Kulturen in Deutschland. Dies gelang ihm durch den Austausch mit betroffenen Menschen,begleitet von zahlreichen Beobachtungen und persönlichen Erfahrungen mit dem Leben zwischen zwei Kulturen. Während der Flüchtlingskrise, die Deutschland im Jahre 2015 heimsuchte, konnte er als Betreuer und später Leiter einer Notunterkunft mit seiner tatkräftigen Unterstützung einen wertvollen Beitrag für die neu angekommenen Menschen in Deutschland leisten. Der Autor war lange Jahre im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit aktiv, um seine Forschungen und Beobachtungen, die er persönlich im Glashaus gemacht hat, zu widerlegen.

Gefangen im Glashaus  ist ein „autobiografisches Sachbuch“, man kann es in etwa als Erfahrungsbericht des Autors über sein eigenes Leben betrachten. Daher ist in meinen Augen eines ganz wichtig: beim Lesen sollte man sich unbedingt bewusst sein, dass viele der beschriebenen Eindrücke und Erfahrungen Subjektiv sind. Natürlich haben viele Menschen in ähnlichen Situationen andere Erfahrungen gemacht und man stimmt sicherlich in der ein oder anderen Sache nicht gänzlich mit der Meinung des Autors überein.

Das Buch möchte den Lesenden auf zwei Ebenen abholen, bzw. zwei unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Je nach persönlichem Hintergrund wird man etwas anderes aus Deva Manicks Werk mitnehmen können.

Auf der einen Seite adressiert das Buch Flüchtlingskinder, Jugendliche mit multikulturellem Hintergrund oder einfach Menschen, die sich in der Geschichte wiederfinden. Das Buch soll einen Spiegel vorhalten und als Weckruf und Motivation dienen, das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Wenn man sich nicht selbst dafür einsetzt, wird sich das eigene Leben nicht ändern und man entkommt vielleicht nie dem im Buch so oft erwähnten Glashaus.

Andererseits kann man natürlich auch als „Außenstehender“ einiges lernen. Schon seit einer ganzen Weile ist das Thema Flüchtlinge sehr aktuell – und wird heiß debattiert. Das Buch liefert einige Einblicke, zum Beispiel welche Probleme und Sorgen die Geflüchteten täglich mit sich tragen. Und wie aus einem dieser Probleme eine gewaltige Kettenreaktion über Generationen hinweg entstehen kann, die völlig neue Hürden aufwirft. Mir sind einige Zusammenhänge klar geworden, die ich bisher noch nicht kannte. So gesehen bietet das Werk eine Möglichkeit, andere Kulturkreise und auch Flüchtlinge aus anderen Kulturen ein wenig besser zu verstehen.

Worüber ich mir beim Lesen auch sehr viele Gedanken gemacht habe, ist der Titel des Buches. Ein Leben zwischen zwei Kulturen ist dabei recht selbsterklärend. Kinder von Familien, die aus anderen Kulturkreise kommen, leben oft einen wackeligen Spagat zwischen der Kultur ihrer Eltern und der des neuen Heimatlandes. Was aber verbirgt sich hinter dem Begriff Glashaus?

Als ich mit dem Lesen des Buches begonnen habe, hatte ich mir diese Frage dick und fett notiert und wollte sie unbedingt dem Autor stellen. Aber um so mehr ich las, desto klarer wurde die Metapher. Und ich habe sogar grünes Licht bekommen, dass meine Interpretation genau das widerspiegelt, was der Autor sich dabei gedacht hat. Da verstehe ich gar nicht, warum mir Interpretationen damals im Deutschunterricht immer so schwer gefallen sind.

Deva Maneck selbst wuchs seitens seiner Familie mit der tamilischen Kultur auf. Er beschreibt ausführlich, welch gesellschaftlicher Druck in dieser Kultur oft auf Kindern und Jugendlichen lastet. Dies beginnt beim Leistungsdruck in der Schule und später auch im Studium und Berufsleben bis hin zur Partnerwahl. Man plant sein Leben oft nicht selbst, sondern lebt unter strenger Überwachung der Eltern und Angehörigen. Nun zur Metapher: ein Glashaus ist durchsichtig, man hat also keine Möglichkeit, sich darin zu verstecken und lebt wie auf einem Präsentierteller. Außerdem ist ein Glashaus zerbrechlich. Ebenso wie die „perfekte Scheinwelt“, die sich einige Menschen aufbauen, indem sie die bestmögliche Karriere oder Heiratspartie anstreben. Oder dies von ihren Kindern verlangen. Gerade diese halten einem solchen Druck über Jahre hinweg oft nicht lange aus und brechen dann unter all der Last zusammen. Aber natürlich bedeutet zerbrechlich auch, dass man das Glashaus zerbrechen kann. Man muss sich nicht zu einem Leben zwingen lassen, dass man nicht leben will.

Sich gegen die eigene Familie zu stellen ist natürlich nicht einfach. Ich kann mir vorstellen, dass dies sehr viel Mut erfordert. Da es sehr schwierig ist, diesen Mut alleine aufzubringen, versucht der Autor Jugendlichen in dieser Situation eine Hand zu reichen, nicht nur mit diesem Buch, sondern auch durch seine Vorträge.

Mehr Infos dazu findet ihr hier:

Nun ist es natürlich nicht in jedem Fall nötig zu einer so drastischen Maßnahme zu greifen. Wie zu Beginn gesagt, ist es wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, dass es ein sehr persönliches Buch ist, welches nicht sinnbildlich für alle geflüchteten Familien steht. Sonst entsteht am Ende der falsche Eindruck, dass das Abwenden von der eigenen Kultur und vielleicht sogar Familie den einzigen Weg darstellt, sich von gesellschaftlichen Zwängen zu befreien. Auch wenn dies an einigen Stellen im Buch klar gestellt wird, so geht es am Ende ein wenig unter. Daher bin ich nicht müde geworden, es immer wieder in meiner Rezension aufzuschreiben.

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7 Comments

  • Reply Antonia Forth 12. November 2017 at 21:42

    Ich hätte ja gesagt ich lese nie wieder etwas das Richtung Sachbuch geht wenn ich nicht unbedingt muss, aber jetzt nach deiner Rezension bin ich doch neugierig.

    • Reply Sarah 14. November 2017 at 11:16

      Ich glaube Sachbuch ist nicht gleich Sachbuch. Und das Buch ist auch nicht allzu Dick, so dass man sich ewig durch quälen müsste. Ich finde es ganz gut aufgeteilt, mit recht kurzen Kapiteln, dann kann man immer Stückchen für Stückchen lesen.

  • Reply Rezensionen - LiteraturMonster 12. November 2017 at 23:01

    […] 12. November 2017 by Sarah Previous Post […]

  • Reply Nicole Katharina 13. November 2017 at 9:43

    HI
    ich finde es gut, wie tief und intensiv du dich mit diesem Buch beschäftigen konntest. Ich greife jetzt zu diesem Buch nicht, obwohl der Autor mich dazu einlud, denn irgendwas hat mich dann doch abgehalten.
    Aber umso schöner, dass du mit diesem Buch etwas anfangen konntest und du deine Gedanken so klar an mich als Nichtleserin herangebracht hast.
    Sei lieb gegrüßt
    Nicole

  • Reply Sarah 14. November 2017 at 11:02

    Hallo Nicole,

    danke für deinen Kommentar!
    Ich wusste auch bis zum Ende gar nicht so genau, wie eine Rezension zu dem Buch aussehen soll, da ich schlecht den Plot oder die Charaktere Bewerten konnte. Da blieb dann nur noch das, was ich an Erfahrungen aus dem Buch mitgenommen hab.

    Liebe Grüße,
    Sarah

  • Reply Frauke 17. November 2017 at 11:21

    Liebe Sarah,
    das klingt nach einem intensiven Leseerlebnis. Vielen Dank fürs Teilen Deiner Gedanken dazu!
    Mich macht der Text tatsächlich neugierig aufs Buch, aber mangels Zeit und einem überbordenden SUB wird es wohl bei der Neugier bleiben.
    LG, Frauke

    • Reply Sarah 22. November 2017 at 22:45

      Hallo Frauke,

      das schöne an Büchern ist ja, dass sie einem nicht weg laufen.
      Aber ich möchte auch gerne meinen SuB abarbeiten, da kann ich dich voll und ganz verstehen.

      Liebe Grüße,
      Sarah

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