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Charakter Spotlight – Celaena Sardothien

Ich würde euch empfehlen, den Beitrag erst zu lesen, wenn ihr zumindest das erste Buch der Throne of Glass Reihe kennt. Mein Artikel enthält zwar keine großartigen Spoiler, ich möchte euch aber weder den Lesegenuss vermiesen und euch total in eurer Sicht auf Celaena beeinflussen, noch bringt es euch viel den Beitrag zu lesen ohne zu wissen, worüber ich eigentlich rede.

„Und ihr seid Celaena Sardothien, Adarlans größte Assassinin. Vielleicht die größte Assassinin von ganz Erilea.“ Er musterte ihren angespannten Körper, bevor er seine dunklen, sorgfältig gezupften Augenbrauen hob. „Eigentlich seht ihr dafür zu jung aus.“ Er stütze die Ellbogen auf die Oberschenkel. „Ich habe ein paar ziemlich faszinierende Geschichten über euch gehört.“

– Throne of Glass – Die Erwählte (eBook) , Seite 19, Zeile 1-6 // Pos. 181

Mit Celaena verbindet mich eine Hassliebe. An sich hat mir Throne of Glass gut gefallen (ich habe bisher erst die ersten beiden Bücher gelesen), aber ich brauchte wirklich lange, um mich mit der Protagonistin anfreunden zu können. Wenn ich die ersten drei Charakterzüge bennen sollte, die mir zu Celaena einfallen, dann wären das impulsiv, stur und eine viel zu große Klappe. Das klingt jetzt erstmal sehr negativ, an sich mochte ich aber gerade diese Eigenschaften an ihr. Sie bildet damit einen tollen Kontrast zu den netten Schulmädchen-Protagonisten, mit denen man es sonst so häufig zu tun hat. Zumindest, wenn man viel Urban Fantasy oder Contemporary Fantasy liest. Nun lese ich aber auch unglaublich gerne High Fantasy, wo man viel öfter auf facettenreiche und unglaublich gut ausgearbeitete Charaktere trifft.
Throne of Glass würde ich in gewisser Weise als einen Mix aus High Fantasy und Urban/Contemporary Fantasy beschreiben. High Fantasy wegen dem Setting, Urban Fantasy wegen der Art, wie die Geschichte verläuft, sich Charaktere verhalten und dem Feeling beim Lesen. Wahrscheinlich auch ein Grund, warum das Buch einen kleinen Hype erleben durfte.

Um bei Celaena Sardothien zu bleiben: sie widerspricht sich in meinen Augen ständig selbst. Ich kaufe ihr die Super-Assassinin nicht ab. Auch wenn sie es in den Büchern mit noch so vielen übermächtigen Gegnern aufnimmt und diese am Ende bezwingt. Egal wie geschickt sie im Töten ist. Celaena überzeugt einfach nicht.

Sie hat ein ziemlich loses Mundwerk und prahlt gerne mit ihrem Können. Das ist eine Eigenschaft, die eigentlich nicht zu einem Assassinen passt. Als Assassine strebt man schließlich nicht nach Ruhm, sondern agiert im Schatten, still und heimlich. Vielleicht ist ihr nach dem, was in ihrem Leben geschehen ist, einfach alles egal. Oder sie ist jung (18 Jahre) und unbesonnen. Was ihrer jahrelangen Assassinen Ausbildung aber eigentlich wieder widersprechen würde… Ich würde sie zwar weder als Feindin, noch als Freundin haben wollen, aber auch leicht unsympathische, polarisierende Charaktere können sehr interessant sein.

Was Celaena für mich wirklich kaputt gemacht hat, ist die Tatsache, dass sie ein vollkommen klischeehafter Mary Sue Charakter ist. Wem Mary Sue nichts sagt, der kann den kleinen Wikipedia Artikel dazu lesen. Kurz gesagt bedeutet es, dass ein Charakter zu perfekt ist und dadurch nicht nur unrealistisch, sondern auch langweilig wird. Um mal die Fakten aufzuzählen:

  • Celaena ist die beste/berühmteste/berüchtigste Assassinin des Landes, vielleicht sogar die beste der ganzen Welt (mit 18 Jahren…)
  • sie ist unglaublich schön
  • zwei attraktive und sehr gut positionierte Männer lassen sich spielend leicht von ihr um den Finger wickeln
  • … mal ehrlich, der Hauptmann der Garde und der Prinz. Besitzt Celaena etwa den Ring sie alle zu knechten?
  • die Wachmänner, die sie ständig bewachen und notfalls erschießen sollen lassen sich auch um den Finger wickeln
  • Celaena ist sehr gut gebildet, liest gern, beherrscht Musikinstrumente und kann mehrere Sprachen sprechen
  • sie ist aber auch ein Party-Tier und scheint einfach in fast allen Situationen eine gute Figur zu machen
  • und so weiter und so fort…

Celaena wird oft auf ihr (äußerst attraktives) Äußeres reduziert. Außerdem finden sich in ihrem Charakter lauter Widersprüchlichkeiten. Als wollte die Autorin jede schlechte Charaktereigenschaft durch drei gute ausgleichen, die dazu auch noch viel zu übertrieben dargestellt werden. Im Endeffekt bin ich mir als Leser gar nicht mehr so sicher, wie Celaenas Charakter jetzt eigentlich aussieht?

Vorgestellt wird sie uns als berüchtigte Assassinin, im ganzen Land zuckt man schon bei der bloßen Erwähnung ihres Namens schreckerfüllt zusammen. Ihr ist es als einzige Person jemals gelungen fast aus einem der Arbeitslager zu entkommen, bewaffnet nur mit einer Spitzhacke. Dabei ist sie erst 18. So eine Person stelle ich mir einschüchternd vor und auch irgendwie unnahbar und verschlossen. Immerhin hat sie schon als Kind regelmäßig Menschen ermordet und sich so ihr Brot verdient. Vielleicht ist sie brutal und blutrünstig, oder ihr sind andere Menschen egal. So jemand darf eingebildet sein, eine große Klappe haben und seine Überlegenheit in die Welt hinausposaunen. Ich kann mir gut und gerne vorstellen, dass Celaena oft ihren Willen bekommen hat und daher auch sehr dickköpfig und kaum zu Kompromissen bereit ist. Sie kann es sich einfach leisten arrogant, besserwisserisch und egoistisch zu sein. Die Celaena, die ich auf den ersten Seiten kennengelernt habe darf all dies. Und ich würde sie dafür lieben.

Leider ist das aber nicht die echte Celaena. Die echte Celaena ist weich und verletzlich, oft sanftmütig. Das könnte ich auch nachvollziehen, schließlich ist sie in erster Linie nicht freiwillig zur Assassinin geworden und vielleicht entspricht ihr Handwerk ja so gar nicht ihrem Charakter. Auf mich macht sie allerdings nicht nur einen weichen Eindruck, sie verweichlicht im Laufe des Buches immer mehr. Und spätestens nach der Hälfte des Buches fragt man sich: Und das soll die Person sein, die ein ganzes Land in Angst und Schrecken versetzt hat?!

Es scheint fast, als ob sie in eine verspätete Pubertät käme, nicht genau weiß, was sie im Leben will und vor allem wer sie sein möchte. Bei ihrer Vergangenheit müsste sie eigentlich dazu gezwungen worden zu sein, sehr früh, sehr erwachsen zu werden. Nun mit 18 scheint ihre mädchenhafte Seite wieder zum Vorschein zu kommen und sie mehr und mehr zu vereinnahmen. Von der toughen Assassinin bleibt immer weniger übrig, als hätte man den Hauptcharakter plötzlich ausgetauscht. Und die Autorin schafft es nicht, all diese Charaktereigenschaften glaubhaft in einer Person zu vereinen. Ich als Leser verstehe oft nicht, warum sie so ist oder handelt, weil es ihren anderen Charakterzügen widerspricht. Celaena wird mit immer neuen Facetten vollgestopft, auf die aber nie näher eingegangen wird. Daher ist ihr Charakter völlig überladen und trotzdem irgendwie flach.

Ich musste sie ständig mit Dubhe aus Die Schattenkämpferin von Licia Troisi vergleichen. Auch Dubhe ist ein junges Mädchen in einer mittelalterlichen Fantasywelt, dass ohne eine Wahl zu haben als kleines Kind in eine blutrünstige Assassinen Gilde gesteckt wurde. Aber im Gegensatz zu Dubhe ist Celaena einfach nur eine naive Jugendliche, voller Widersprüche und emotionaler Mädchenprobleme. Irgendwie Schade.

Gegen Ende des ersten Bandes pendelt sich dann alles wieder ein und ich habe gehört, dass das Buch ursprünglich auch nur eine Fanfiction war und die Autorin sehr jung mit dem Schreiben begonnen hat. Nach einem (auf Celaenas Charakter bezogenen) guten Anfang, einer Chaotischen Mitte und einem wieder halbwegs entwirrten Ende habe ich das Gefühl, dass die Protagonistin endlich ihre Linie findet.

Nach all der Kritik möchte ich noch einmal betonen, dass ich das Buch eigentlich recht gern gelesen habe. Meine Rezension findet ihr bei den Fusseligen Bücherwürmern. Aber Celaena hatte als Hauptcharakter einfach unglaublich viel verschenktes Potenzial, was das gesamte erste Buch, vor allem im Mittelteil, runter gezogen hat. Aber der zweite Band hat mir schon deutlich besser gefallen und ich freue mich auf Teil 3!

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1 Comment

  • Reply Machtlos - LiteraturMonster 22. November 2017 at 22:50

    […] J. Maas hatte ich im ersten Band ihrer Throne of Glass Reihe eine ähnliche Meinung (siehe meine Charakteranalyse von Celaena), in ihren Folgebänden hat sich das jedoch stark gebessert. Also: Augen offen […]

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