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Body Shaming auf der Demon Road?

Demon Road ist die neue Trilogie von Derek Landy, dem Autor der Skullduggery Pleasant Bücher (die ich übrigens liebe). Darin geht es um Amber, eine 16 Jährige Teenagerin, die auf der Flucht vor ihren Dämoneneltern ist und dabei kommt eines immer wieder zur Sprache: ihr Körper. Umgangssprachlich würde man nämlich sagen, dass Amber „etwas moppelig“ ist oder „ein paar Kilo zu viel auf den Hüften“ hat und das fällt den anderen Charakteren in dem Buch natürlich auch auf. Meistens hat Amber mit vielen negativen Reaktionen bezüglich ihres Körpers zu kämpfen und da schoss mir sofort der Begriff Body Shaming durch den Kopf!

Body Shaming beschreibt die Kritik an den körperlichen Eigenschaften anderer oder auch unseres eigenen Erscheinungsbildes. Die erste Assoziation zu Body Shaming ist für viele Menschen Fat Shaming, also z.B. das beleidigen von dicken Menschen. Aber auch sehr dünne Menschen haben beispielsweise oft mit dem Vorwurf zu kämpfen, dass sie unter einer Essstörung leiden würden. Body Shaming kann sich allerdings ebenso auf einzelne Teile des Körpers beziehen, wie kleine Brüste, große Nase (ich hatte mit meiner lange Zeit ein im wahrsten Sinne des Wortes riesiges Problem) oder Körperbehaarung. Es gibt viele verschiedene Körpertypen, in den Medien wird häufig aber ein recht klar definiertes Ideal beworben. Vor allem von diesem Ideal abweichende Menschen haben oft mit Body Shaming zu kämpfen. Dazu zählen nicht nur gemeine Kommentare anderer Menschen, sondern auch die Selbstzweifel, die wohl jeder von uns kennt, wenn wir uns mit Promis, Influencern oder auch einfach in unseren Augen hübscheren Freunden vergleichen. Eine detailliertere und gut zu lesende Erklärung von Body Shaming findet ihr auf Marschmallow Mädchens Seite.

An dieser Stelle eine kleine Spoiler-Warnung! Ich verrate keine wichtigen Twists des Hauptplots, erwähne aber immer mal Nebencharaktere und Randereignisse aus dem gesamten Buch. Wer also absolut komplett spoilerfrei bleiben möchte, liest lieber erst das Buch und dann diesen Beitrag. Ich bin mir sicher, dann ist der Artikel auch spannender und besser nachzuvollziehen.

Schon im ersten Kapitel von Demon Road wird deutlich, dass auch Amber eher kritisch zu ihrem Körper steht. Sie vergleicht sich mit ihren schönen schlanken Eltern, denen sie kaum zu ähneln scheint. Kritischer Vergleich des eigenen Körpers mit anderen: check! Ebenfalls zu Beginn des Buches wird sie von zwei Typen angepöbelt, verfolgt und bedrängt, die sie als „Troll“ bezeichnen (nachdem sie zuvor einer anderen, in ihren Augen hübschen, Frau hinterher gestiert haben).  Abwertung ihres Körpers durch andere: check! Hier scheint also wirklich ein aktuter Fall von Body Shaming vorzuliegen.

Per se finde ich ich die Thematisierung von gesellschaftlichen Problemen wie Body Shaming aber nicht schlecht. Im Gegenteil, gerade in Jugendbüchern halte ich Body Shaming für ein unglaublich wichtiges Thema, da vor allem Jugendliche häufig damit konfrontiert werden. Es geht also darum, wie mit dem Thema umgegangen und es den Lesern präsentiert wird. Was also hat Derek Landy daraus gemacht?

Zuerst einmal finde ich die Wahl einer dickeren Hauptperson gut. Zu oft sind Hauptpersonen in Jugendbüchern hübsche Mädchen, denen dann auch ausgiebig erzählt wird, wie toll sie sind. Ja, das gilt auch für die vielen schüchternen Mäuschen, die zwar absolut kein Selbstbewusstsein haben aber auf der anderen Seite trotzdem keine einzige „Problemzone“ vorweisen können.  Jeder möchte sich natürlich gerne mit einem perfekten Charakter identifizieren. Aber unsere Definition von perfekt ist in diesem Fall einfach kaputt. Oder es ist ein grundlegendes Problem eine Eigenschaft wie perfekt auf etwas so vielfältiges wie Körpertypen anzuwenden. Was ich eigentlich sagen wollte: mir fehlen YA-Protagonisten die zeigen, dass Selbstzweifel alltäglich sind und es gleichzeitig keinen Grund gibt sich für seinen Körper zu schämen.

Apropos perfekt, dieses Wort fällt nämlich auch im Buch. Etwas hat Amber nämlich durchaus von ihren Eltern geerbt, sie kann sich in einen Dämonen verwandeln. Und diese Dämonengestalt hat es in sich. Ambers Haut wird rot und ihr wachsen Hörner, gleichzeitig wird sie größer, schlank und unglaublich schön. Kurz gesagt: sie bekommt einen „perfekten Körper“ und ein riesiges Ego. Für diesen Körper erhascht sie dann auch prompt ein paar Komplimente. Vor allem der leicht trottelige Ire Glen kann kaum den Blick losreißen. Dementsprechend groß ist auch seine Enttäuschung, als er danach Ambers menschliche Gestalt erblickt. Und das war dann der Punkt, an dem ich mir dachte: WAS ZUR HÖLLE?! DEREK, WAS HAST DU DIR DABEI NUR GEDACHT? WARUM? WARUUUUM?

Nach ein paar Kapiteln hatte ich mich dann aber wieder gefasst. Die Welt ist halt kein Ponyhof und solche Situationen sind durchaus realistisch (vorausgesetzt wir lassen das ganze Dämonenzeug mal außen vor). Viele Menschen geben leider eine ganze Menge auf das Erscheinungsbild. Und wenn man schon Themen wie Body Shaming anschneidet, dann sollte man das auch nicht durch eine rosarote Brille filtern. Es gibt nunmal oberflächliche Dumpfbacken und Glen gehört in dieser Szene eindeutig dazu. Viel wichtiger ist doch, wie Amber jetzt damit umgeht.

In genau dem Moment reagiert sie nicht groß darauf, wobei sie natürlich „verletzt und verlegen“ ist. Sie knickt jedoch auch nicht ein, was ich vor allem im weiteren Verlauf des Buches sehr gut fand. Sie fühlt sich in ihrem menschlichen Körper nicht komplett wohl, sie lässt sich aber auch nicht von dummen Kommentaren unterbuttern und sitzt am Ende des Buches jammernd in einer Ecke. Stattdessen wird sie im Laufe der Geschichte immer selbstbestimmter. Natürlich ist eine übermenschlich starke Dämonengestalt auch recht nützlich, wenn man sich gegen ekelhafte Typen behaupten will, die einen als „Troll“ bezeichnen. Dies kommt im Verlauf des Buchs zweimal vor. In der ersten Szene am Anfang des Buches nimmt Amber in der Situation eine eher unterwürfige Haltung ein und bittet darum einfach in Frieden gelassen zu werden. Ihr eigentliches Ziel ist Flucht. Die zweite Szene spielt gegen Ende des Buches, wo ein auffällig hübsches Mädchen von einem aufdringlichen Typen verfolgt wird. Amber konfrontiert diesen mit dem Vorwurf das Mädchen zu belästigen, begibt sich also ganz bewusst in diese Situation. Über ihre Moral bei der Aktion bin ich mir aber uneinig. Ob sie eingreift um dem Mädchen zu helfen, oder um dem Typen eine Lektion zu erteilen ist mir hier nicht ganz klar.

Es wäre sicherlich eine bessere Botschaft gewesen, wenn Amber uns gezeigt hätte, wie man als normaler Mensch im Alltag und ohne Gewalt mit solchen Situationen umgehen kann… zugegeben passt das aber nicht allzu gut in die Geschichte und zu Ambers Charakter. Ich habe bisher auch nur den ersten Teil der Trilogie gelesen und schon an der ein oder anderen Stelle gesehen, dass Amber sich in den Folgebänden noch weiter entwickelt. Ich hoffe sehr, dass sie ihre starke Kämpfernatur behält, gleichzeitig aber auch bedachter mit kritischen Situationen umgeht.

Vor allem hoffe ich, dass ihr Körper einfach immer weniger eine Rolle spielen und akzeptiert wird. Ich wünsche mir die Erkenntnis, dass ihr Körper gut so ist, wie er eben ist. Man muss auch erwähnen, dass Amber sich auch schon im ersten Band sehr auf Eigenschaften konzentriert hat, die sie an sich selbst schön findet. In diesem Fall ihre Augen. Und das ist doch ein wirklich guter Ansatz.

Auch gut fand ich, dass ihr Körper zwar ein recht präsentes Thema im Buch ist, aber für die meisten Charaktere überhaupt keine Rolle spielt. Milo, der fast die gesamte Geschichte lang an Ambers Seite ist, hat beispielsweise nie einen Kommentar zu ihrem Aussehen verloren. Es ist halt ein Körper und gut ist. Drama darum machen eigentlich nur Glen und die 3 schmierigen Typen am Anfang und Ende des Buches. Wodurch jetzt vielleicht auch der falsche Eindruck entsteht, dass vor allem Jungs/Männer weibliche Körper be- und abwerten. Glaubt mir, Mädchen und Frauen können mindestens genauso fies zueinander sein. Und Kerle leiden auch unter Body Shaming, das sollte man nicht vergessen.

Der erste Band lässt mich leider ein wenig mit dem unguten Gefühl zurück, dass Frauen immer hübsch und dünn sein müssen um Männern zu gefallen. Zumindest machen alle Männer, die sich ungefähr in Ambers Altersgruppe bewegen könnten nicht gerade den Eindruck, als wären sie von Ambers Erscheinung sonderlich angetan. Ich habe allerdings schon gehört, dass sich das im zweiten Buch wohl bessern soll. Es ist zwar schade, dass der erste Band dadurch vielleicht nicht die beste Botschaft vermittelt, aber die Charakterentwicklung kann ja auch schlecht schon nach dem ersten Drittel der Geschichte vorbei sein. Natürlich muss da noch etwas Luft nach oben sein und ich hoffe, dass Derek Landy diese Lücke in dien folgenden Büchern füllt.

Schlussendlich weiß ich gar nicht so genau, wie ich insgesamt zu alldem stehen soll, denn ich möchte das Buch unbedingt mögen können. Die Geschichte und Charaktere gefallen mir wirklich gut. Auch die Behandlung des Themas Bodyshaming finde ich gut. Ob dies jedoch an allen Stellen gut umgesetzt wurde, da bin ich mir wirklich uneinig und deswegen umso gespannter auf eure Meinungen!

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