Bin ich ein rassistischer Leser?

Für jeden von uns sieht ein und derselbe Buchcharakter völlig unterschiedlich aus. Das ist das wunderbare am Lesen, das Meiste ist einfach unserer Fantasie überlassen. Aber ist euch schon mal ein Muster aufgefallen? Merkmale, die jeder Charakter von euch verpasst bekommt, sofern es nicht (oder auch obwohl) es im Buch explizit anders beschrieben ist? Ich behaupte, die Meisten von euch aus Deutschland oder auch Zentraleuropa, werden sich Buchcharaktere grundsätzlich als Menschen mit heller Haut vorstellen. Außer natürlich, das Buch spielt beispielsweise in Afrika, dann denken natürlich viele gleich an Menschen mit dunklerer Hautfarbe. Und ich möchte mich da jetzt keinesfalls ausschließen.

Auch bei mir kommt es regelmäßig vor, dass ich aus allen Wolken falle, wenn nach 2/3 des Buches der Charakter plötzlich als Person mit südländischer, afrikanischer, asiatischer, etc. Herkunft beschrieben wird, er in meinem Kopf bis dato aber ganz klar ein klischeehafter, blasser Mitteleuropäer war. Und das meine ich natürlich überhaupt nicht böse, eigentlich schäme ich mich sogar ein bisschen dafür. Sitzt da ein kleiner Literaturrassist in meinem Kopf?

Ich habe ein paar Freunde aus Deutschland befragt und ihnen geht es da kein bisschen anders. Puh. Also scheint das ganz normal zu sein. Einer meinte zu mir, dass es einfach Gewohnheit sei. Wir sind umgeben von fast ausschließlich weißen Menschen aufgewachsen, daher sind in unseren Köpfen auch grundsätzlich erstmal alle Buchcharaktere weiß. Ein Spiegel unseres Alltags. Daraufhin habe ich mir die Frage gestellt, wie das Menschen aus anderen Kulturkreisen sehen. Dazu habe ich ein paar meiner Freunde gefragt, die nicht aus Zentraleuropa kommen, sondern aus

  • Bangalore (Indien),
  • Kamerun (Zentralafrika) und
  • Zimbabwe (Südafrika).

Und die waren sich alle relativ einig: wie sie sich Buchcharaktere vorstellen hängt davon ab, wo dieses Buch spielt. Eigentlich ist es bei mir ja auch so. Einer von ihnen meinte, dass er die Kulturkreise(und das damit verbundene Aussehen) auch durch die Charakternamen und das Verhalten der Charaktere herausfindet, was ich sehr interessant fand. Mir könnte es da durchaus passieren, z.B. japanische und afrikanische Namen durcheinander zuwerfen. Hört sich komisch an, ist in manchen Fällen aber wirklich schwer auseinander zu halten. Besonders wenn man die namen nur geschrieben sieht und die Aussprache nicht kennt. Und nur Anhand der Taten eines Charakters auf dessen ethmischen Hintergrund zu schließen, ist auch nicht unbedingt leicht. Das habe ich in vielen Deutsch Klausuren erlebt.

Dass sie sich in einer reinen Fantasywelt, fernab denen uns bekannten Kontinenten und Kulturen, aber pauschal alle Charaktere vom aussehen her indisch, afrikanisch, asiatisch, europäisch oder wie auch immer vorstellen, hat keiner von ihnen behauptet. Was aber vielleicht auch daran liegt, dass sie keine Fantasyromane lesen.
Man kann aber natürlich auch in Fantasywelten von der Umgebung/dem Klima her auf das Äußere der Menschen schließen. Leute aus Gegenden, die unserem Norden ähneln, stellt man sich wahrscheinlich eher blass, blond und blauäugig vor. Charaktere aus subtropischen Gebieten gedenkt man meist dunkle Haare und gebräunte Haut zu.

Da das jetzt in absolut keinster Weise ein wissenschaftlicher Artikel war, kann ich auch nicht wirklich ein Fazit aus alldem ziehen. Allgemein fand ich diese Beobachtung aber total interessant! Vielleicht ist euch selbst ja auch schon etwas ähnliches aufgefallen? Ich bin auf eure Erfahrungen gespannt!

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2 Comments

  • Reply Clover81 28. Juli 2016 at 12:05

    Ja, das ist mir bei mir selbst auch schon aufgefallen. Aber Nathan aus „Ein ganzes halbes Jahr“ habe ich mir von Anfang an mit einem etwas dunkleren Hautton vorgestellt. Ich weiß nicht warum, das kam mir einfach so. Es schien zu seinem Charakter zu passen. Allerdings hatte der Mann bei mir auch eine Glatze. Dafür musste ich damals bei „Erdsee“ ganz schnell mein Bild im Kopf korrigieren, als später deutlich gemacht wurde, dass diese Menschen alle dunkle Haut haben. Ähm, ups.
    Bei den Lunar-Chroniken ist dagegen von Anfang an klar, dass viele Charaktere asiatische Züge haben müssen. Das bedeutet aber nicht nur japanisch oder chinesisch, sondern auch indisch oder syrisch, denn der Asiatische Staatenbund dürfte wohl den ganzen Kontinent umfassen..

    Es ist jedenfalls schön zu wissen, dass ich nicht die einzige bin, die darüber nachdenkt.

    Übrigens finde ich es z. B. furchtbar, wie viele Leute sich über die schwarze Hermine in Harry Potter aufregen. Ich habe mir ihre Einführungsbeschreibung nochmal angesehen und gedacht, warum eigentlich nicht? Passt doch. Zumal ich mittlerweile von englischsprachigen Seiten her weiß, dass viele schwarze Leserinnen sich Hermine von Anfang an als schwarz vorgestellt und sich stark mit ihr identifiziert haben.

    Vielleicht sollten wir beim Lesen ab und zu mal bewusst inne halten und darüber nachdenken. Nur vergesse ich das meist, wenn ich so richtig schön in der Geschichte drin bin. Mittlerweile mache ich das auch oft vom Autor abhängig. Wenn diser z. B. Asiate ist, dann halte ich es für wahrscheinlicher, dass die Hauptfigur auch asiatische Züge hat. Das ist natürlich keine Ideallösung, aber es erleichtert mir den Einstieg in die Änderung meiner Neigung dazu, die Helden mangels anderer Beschreibung grundsätzlich erstmal als weiß anzusehen.

    • Reply Sarah 28. Juli 2016 at 16:36

      Deinen Kommentar finde ich toll!
      Das kann ich alles so unterschreiben und die Sache mit Hermine fand ich auch wirklich ätzend. Am Schluss musste J.K. Rowling ja sogar nochmal selbst auf Twitter klar stellen, dass sie Hermine in keinem Buch als „weiß“ beschrieben hat.

      Und ein Charakter, den ich mir von Anfang an immer super als Asiaten vorstellen konnte, war Magnus Bane aus den Schattenjäger-Büchern. Zusammen mit den Katzenaugen und dem extrovertierten Style, musste ich bei ihm immer an einen K-Pop Sänger denken.

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